Mit dem Mountainbike über Stock und Stein jagen. Im türkisblauen Wasser treibend auf die nächste Welle für den perfekten Surfride warten.

Mit dem Skateboard verrückte Tricks machen. Individuell angefertigte Joggingschuhe. Nahrungsmittelergänzungen speziell für die Altersgruppe 50+, um gesund und aktiv am Leben teilnehmen zu können. Triathloncamps, Yoga-Retreats, Sprach- und Bildungsreisen für interessierte „Alltagsausbrecher“. Du bist der Geilste, dein Leben beginnt jetzt! Verpasse nichts mehr! Nur so wirst du glücklich und zufrieden sein! Das ist das Bild, dass die Marketing-Experten dem vermeidlichen Best Ager vermitteln wollen. An jeder Ecke lauert der grau melierte Mitte-50er und lächelt dir aus Zeitungswerbungen in Magazinen wie 50plus oder unzähligen Videoclips kalt ins Gesicht. Knallharte Muskeln, glattrasierte Brust, kombiniert mit gepflegtem Rauschebart, stylish zurück gegeltem Haar und tätowierten, kräftigen Unterarmen. Im Arm eine heiße Grauhaarige, deren Figur selbst Pamela Reif in Panik versetzt, deren Haut zart wie ein Pfirsich ist und doch stark und unabhängig ist. Eine Partnerschaft, die unerschütterlich ist und das Leben um so viele Dinge bereichert. Das soll das erstrebenswerte letzte statistische Drittel deines Lebens sein. Das beste Alter für alles! Best-Age eben. Tja, Leute. Ihr müsst jetzt stark sein. Dummerweise ist das beste Alter nur eine Erfindung der Marketing-Industrie.
Best Ager und die völlig verdrehte Sicht der Dinge
Wem in seiner Kindheit eine gesunde Portion Selbstwahrnehmung vermittelt wurde, geht jetzt zum Spiegel und stellt fest: Okay, die Haare sind grau und pflegeleicht, an den Seiten kurz, oben etwas länger frisiert. Die mit Altersflecken, spindeldürren oder je nach genetischer Veranlagung leicht aufgedunsenen behaarten Unterarme sehen eher aus wie weiße, bäuchlings, tot im Wasser treibende Fische. Anstelle der coolen, vollgesichtsumfassenden, verspiegelten Oakley Sportsonnenbrille baumelt die Lesebrille lose über deinen Bauchansatz. Was wurde nur aus den Zeiten, als es hieß: „Nur ein Mann mit Bauch ist ein echter Mann!“? Diesem Dogma folgend hast du dir jahrelang deinen Waschbärbauch in liebevoller, rauchgeschwängerter Kneipenumgebung mit deinen Kumpels angetrunken. Und jetzt erzählen dir Prof. Strunz, die Marketing Fuzzies und deine völlig verstrahlten Kumpel: Du brauchst ein Sixpack! Dein Bauch! Das ist die Bruthöhle für alle Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Demenz, Bluthochdruck, Magen-, Darm- und Prostatakrebs. Viszerales Fett! Tödlicher als eine Atomexplosion in der Nachbarschaft. Natürlich kannst du dem entgehen, wenn du den Ratschlägen der vielen Werbungen und anderen Medien (YouTube, TikTok und Co.), die nur dein Bestes wollen, folgst. Unsicherheiten bügeln die ganzen selbsternannten Lifecoaches mit einem überdrehten Lächeln weg. Wenn das deine ohnehin vorhandenen Psychosen weiter verstärkt, kein Problem. Als Best-Ager besuchst du natürlich regelmäßig den Therapeuten. Ob alleine oder als Paar, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung sind das Ziel, für das jedes teuer angebotene Mittel recht ist. Immerhin sind die Kinder aus dem Gröbsten raus und jetzt kannst du endlich wieder an dich denken.
Best-Ager sind leichte Beute für die Marketingexperten
Diese ganze Geschichte mit dem Best-Ager ist einer der genialsten Marketing-Schachzüge aller Zeiten. Deutlich geiler als „Die Milch macht’s“ oder „I walk a mile for a Camel“. Immer, wenn du ein Business aufbaust, erstellst du eine Persona. Du schaust, welche Zielgruppe finanziell potent aufgestellt und am leichtesten zu beeinflussen ist. Die Sparte Kinder und Jugendliche ist bereits aufgeteilt. Auch junge Familien, Singles usw. haben sich als leicht zu melkende Opfer erwiesen. Die ganz Alten sind größtenteils verarmt oder im Altersheim. Dort bedient sich die Pharma- und Pflegeindustrie mit beiden Händen. Doch was ist mit den 45–65-Jährigen mit hohem Einkommen? Die, die ihre jungen Jahre komplett der Karriere und dem Kohle scheffeln gewidmet haben? Wie kann ich diese Gruppe aus dem Büro locken und dazu bringen, Dinge zu kaufen, von denen sie gar nicht wussten, dass sie diese wollen? Richtig! Wir erzählen ihnen einfach, dass sie alles können. Dass ihr Alter überhaupt keine Rolle spielt. Nur das Mindset ist wichtig und die einzige Grenze, die es zu überwinden gilt. So fühlt man sich wieder jung. Und weil der mittlerweile vom langen Leben gezeichnete Kadaver nicht mehr ganz so geil funktioniert, musst du als Erstes ein fettes E-MTB kaufen! Mit einigen hundert Watt Strom im Bein fliegt der Wald an dir vorbei und selbst die Garagenauffahrt ist kein Problem mehr. Schwups, fällt der geneigte „Best-Ager“ auf das aus Carbon und Alu gefertigte Werbeversprechen herein. Der Gegenwert eines Dacias (für alle, die kein Statussymbol brauchen) verwandelt sich in das ultimative Statussymbol für den leicht ergrauten, niemals sportlich gewesenen Mann aus dem mittleren Management. Die Jahre im Neon erleuchteten Büro haben leider dazu geführt, dass deine Sehfähigkeit sukzessive nachgelassen hat und du im Wald weder Baum noch Weg siehst. Dummerweise hat deine stylische Sonnenbrille keine Möglichkeit, Korrekturgläser zu verwenden. Das stand dann wohl nicht auf der Doppelseite der „Mens Health“ zur neuesten Sportbrillenmode.
Die Apotheken-Rundschau als Bravo für Menschen im „besten Alter“
Aber da war doch noch dieser Artikel in der „Apothekenrundschau“ mit dem kleinen Hinweis „Werbeanzeige“ oben links? Dr. Schau-Scharfs Lasik! Sehen wie mit 20! Ohne Brille! Bequem in 24 Monatsraten zu 0 %! Okay. Im Vergleich zum 8.000 Euro E-Mountainbike ist die Lasik mit 2.500 Euro ein Schnapper. Und hey? Was soll es? Du bist im besten Alter, um deine Biketouren zu genießen. Da möchte man doch die Landschaft pur und ohne Sehhilfe in Augenschein nehmen. Ohne Brille ist ja auch das geführte Tauchabenteuer auf den Malediven viel geiler. In der „Welt am Sonntag“ war doch dieser Artikel, dass die Malediven mit 50+ ein Traumziel seien. Die Ruhe. Die vielen Wellnessanwendungen. Das Meer. Das alles solltest du unbedingt genießen. Mit der vorhandenen Lebenserfahrung und dem nötigen Kleingeld ausgestattet, ist das 2-Sterne-Hotel auf Mallorca eher was für die Jüngeren. Du bist ein Best-Ager! Gönn dir mal was. Doof nur, dass dein E-MTB aufgrund des großen Akkus nicht in den Flieger darf und dass die Möglichkeiten auf den Malediven zum Biken eher eingeschränkt sind. Yoga-Retreats sind groß im Trend und dein Physiotherapeut hat dir dazu geraten, jetzt mit Mobilitätsübungen anzufangen. Damit die beste Zeit deines Lebens noch möglichst lange dauert und deine Knie, Rücken und Nackenschmerzen nicht deine ganzen neuen Hobbys beeinträchtigen: Crossfit & Co. verlangen einen fehlerfrei funktionierenden Bewegungsapparat und mit den ganzen Vitaminpräparaten, Creatin, BCAA und LMAAs bist du in deinem letzten Lebensdrittel fitter als jeder von seinen Eltern verhätschelte 20-Jährige. Sagt zumindest der Sportratgeber „50plus“. Grenzen gibt es nur im Kopf. Und im Portemonnaie!
Die Wahrheit über Best-Ager?
Du stehst morgens auf und in deinen Knochen und Gelenken knackt es lauter als in einer Telefonverbindung nach Afrika. Ackerschachtelhalm und Hyaluron-Kapseln bringen trotz Werbeversprechen der Best-Ager-Industrie keine Verbesserung. Auch die Atemroutine des YouTube-Arztes leert deine Blase nicht komplett. Schon 20 Sekunden später beim Zähneputzen überkommt dich ein unwiderstehlicher Harndrang. Beckenbodentraining und homöopathische Mittel, angepriesen im Magazin „50plus“, haben nur dein Guthaben auf dem Bankkonto verringert und den Spott deiner Kinder beim Training heraufbeschworen. So sieht die harte Wahrheit eines Best-Agers aus. Die Entschädigung für die frühmorgendliche Herabwürdigung deines Strebens, die besten Jahre deines Seins zu erleben, ist die beste Tasse Kaffee aller Zeiten. Schwierig ist jedoch die Wahl der Kaffeesorte (soll es der fair gehandelte Kaffee aus Kolumbien sein oder die beste Bohne der Welt aus der hippen Berliner Kaffeerösterei?). Dummerweise versaust du das ganze Gehäuse deiner chromblitzenden Siebträgermaschine, die du dir nach einem Studium eines Artikels in der „Good Life“ gekauft hast, und musst dich jetzt mit profanen Dingen wie dem Putzen beschäftigen.
Das letzte Drittel deines Lebens wird geprägt von Konsum
Plötzlich siehst du an jeder Ecke Skateboard tragende Männer mit jeder Menge Tattoos und Rauschebärten in Flanellhemden, die glauben, sie wären im „Besten Alter“. Mit über 50 voll durchstarten. Man(n) hat alles, doch mehr geht immer! Geld, Haus, Job mit Purpose, Frau (noch, wieder oder nicht) und was noch so alles durch die Marketing- und Werbestrategen als unbedingtes „Must-have“ definiert wird. Dein „only for real Man“-Bartöl war wohl noch nicht eingezogen, als du dir gedankenverloren mit den Händen durch den Rauschebart (der im Übrigen mal wieder recoloriert werden müsste) gefahren bist, während du über die beste Kaffeebohne nachdachtest. Wenigstens musst du dir keine Gedanken über dein Outfit machen. Dein Online-Style-Berater hat neben deinem Ernährungsplan natürlich auch einen täglichen Styleplaner für dein Erscheinungsbild zur Verfügung gestellt. Dank der Flatrate des im Playboy angepriesenen Outfitters, umschiffst du jede Hürde des „hip seins“ und siehst nicht aus, wie der typische Best Ager in Bundfaltenhose und T-Shirt oder ganz gewagt in Jeans und Hemd über der Hose. Nein. Der Blick im Spiegel (mit leichter Tönung, damit der Teint auch gut aussieht) sagt ganz klar: Hier kommt ein Typ, der es mit allen aufnehmen kann. Leider kneift die Skinnyjeans ganz schön im Schritt und am Bund ist sie auch schon wieder enger geworden. Selbst Stretch hat seine Grenzen! Zum Glück kommt Boot-Cut wieder in Mode.
Zeig was du hast! Konsumscham ist völlig fehl am Platz
Die nächste Entscheidung lauert schon. Nimmst du das sündere Singlespeedbike mit Bullhornlenker, um ins Büro zu fahren? Oder nimmst du den extrasportlichen Hybrid-SUV mit Einstiegshilfe und 600 PS? Beides symbolisiert die Ambivalenz deiner inneren Gedankenwelt. Eigentlich möchtest du schnell und unkompliziert ohne Stau mit den Hollandradfahrenden, äußerst attraktiven Studentinnen, in Richtung Großraumbüro fahren. Andererseits willst du den unterprivilegierten Kombifahrenden Familienvätern zeigen, dass es in ein paar Jahren für sie wieder rosig aussieht, während sie von deinem röhrenden Auspuff das vollsynthetische Öl wegschnuppern dürfen. Schaut hin, dafür rackert ihr euch ab. Noch ein paar Jahre und ihr habt das beste Alter, um den Kreditvertrag für das 160.000-Euro-Auto zu unterschreiben. Schließlich seid ihr die letzten Jahre ja vernünftig gewesen und habt euren Beitrag zur sozialen Gesellschaft geleistet. Jetzt an sich denken! Das war doch der Titel im „Spiegel“ zu den erfolgreichen Best-Agern, oder? Auf geht!
Geld sparen, damit es die Kinder erben? Out, völlig out!
Die Eltern der aktuellen „Best-Ager“ brachten ihren Sprösslingen noch bei, dass es wichtig sei, etwas für später auf die hohe Kante zu legen. Dass man unbedingt ein Haus besitzen muss, um im Alter etwas zu haben. Nun, das mit dem Haus ist ein einfaches Rechenexempel und wer das kleine 1×1 kann, wird feststellen: Bei einer selbstgenutzten Immobilie legt man immer drauf. Das haben auch die Marketing-Experten erkannt. Deshalb gibt es immer wieder schöne Projekte wie: Altengerechte Umbauten, energetische Sanierung, neuer Ikea-Style für das Wohnzimmer und die Küche muss auch alle 10 Jahre erneuert werden, damit es noch schmeckt und dabei schön aussieht. Rechnet mal nach! Gewinnen werden nur die Verkäufer. Wenn ihr euer Haus mit 50 energetisch saniert, werdet ihr den Break-Even wohl nicht mehr erleben. Doch keine Angst. Die Konsumindustrie holt sicher euer Geld auf andere Weise. Sicherlich fühlt ihr das durch die vielen Berichte in den einschlägigen Magazinen erweckte Bedürfnis nach einem Sabbatical, oder? Mal eben für ein oder zwei Jahre raus aus der Tristesse des Alltags? Kein Problem. Mit dem Luxuswohnmobil oder im Segelboot bist du bestens dafür aufgestellt. 50.000 Euro hätte auch die neue Heizung nebst Solaranlage gekostet. Also was soll es! Natürlich geben euch entsprechende Magazine Tipps und Hinweise, welche Ausstattung für den Mann im gehobenen Alter standesgemäß ist. Da könnt ihr nicht auf einer alten Matratze im Fond des klapprigen Kombis pennen. Das muss schon Memoryfoam mit Heiz- und Kühlfunktion sein.
Opfer der selbstgeschaffenen Konsum-Ökonomie: Der Best-Ager
Also, ihr seht schon. Egal, welche Entscheidung ihr ab 45 treffen werdet. Die Werbeindustrie hat ihren Anteil daran. Auf die eine oder andere Weise zieht sie euch das Geld aus den Taschen. Schließlich seid ihr dafür ja im „besten Alter“. Haus abgezahlt, Kinder aus dem Haus, Verdienst höher denn je. Ihr seid quasi die eingeschlafene Antilope am Wasserloch: Leichte Beute für die hungrigen Werbelöwen. Best-Ager bedeutet nichts anderes, als dass ihr euch im besten Alter befindet, um euch das Geld aus den Taschen ziehen zu lassen. Enttäuscht von eurem unerfüllten Leben, überschüttet mit einem überdurchschnittlichen Gehalt und mitten in der Midlife-Crisis, versucht ihr nun eure verlorene Jugend ins Alter zu verlegen, damit ihr dann die beste Zeit eures Lebens habt. Faktisch habt ihr aber nur das beste Bankkonto, das es zu plündern gilt. Und wenn dem nicht so ist, stehen euch Hunderte von gedruckten Ratgebern zur Verfügung, wie ihr im besten Alter voll durchstartet, um fulminant zu scheitern und die „Lifecoaches und Trainer“ reich zu machen. Frank Heister und Co. lassen grüßen! Falls euch dann immer noch Zweifel plagen, ist das kein Problem. Besucht einfach eine der unzähligen Facebook-Gruppen oder Foren. Dort ist man unter seinesgleichen und kann einander hochleveln. Ein „Du bist der Geilste“, „Ja, du bist aber supergeil“ geht immer.


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