Alles ist gut und nichts ist besser, oder?

Alles ist gut - nichts ist besserStändig bekommen wir von den Medien ein „Uns geht es besser denn je“ um die Ohren gehauen. Alle erzählen, es wäre besser als früher. Doch für manch einen fühlt sich das ganze anders an. Ist wirklich alles besser geworden, oder war früher alles besser? War es besser, je länger es her ist, oder wird es erst gut und doch nicht besser? Doch was wie eine einfache Frage scheint, entpuppt sich als philosophisches Problem. Ähnlich dem „Was war zuerst da?“, „Das Huhn oder das Ei?“. Einfache Fragen und einfache Antworten scheinen völlig aus der Mode gekommen zu sein. Schwarz oder Weiß, Recht oder Unrecht lässt sich nicht mehr einfach bestimmen. Gut oder schlecht? Liegt das auch im Auge des Betrachters? Ähnlich wie der Zeitfluss, der laut Einstein ja relativ ist? Beginnen wir mit einfachen Dingen.

TV-Geräte sind besser geworden

Fernsehen ist Opium fürs Volk. Aus den häßlichen mit Plastikfurnier verkleideten Holzkisten sind ansehnliche, flache Designobjekte geworden, die nicht eine Batterie von Atomkraftwerken zum Betrieb benötigen, oder? In der Tat sind unsere TV-Geräte heute besser, als sie es jemals waren. Mehr Gigapixel, mehr Farben, mehr Funktion, mehr Fläche. Schon jetzt lösen die modernen Flimmerkisten (flimmern tun sie auch nicht mehr) höher als das menschliche Auge auf. Pixel und Unschärfen gehören der Vergangenheit an. Eigentlich alles geil. Doch die Inhalte, die dieses audiovisuelle Technikmonster präsentiert, sind noch flacher als die Gehäuse der LED-Screens. Formate alla Deutschland sucht den Superstar, Dschungelcamp, Frauentausch penetrieren das halbwegs wache Gehirn mit Fun und Fakten, die eigentlich überhaupt nicht lustig sind und schon gar keine Fakten. Früher verdienten sich Sänger ihre Fans. Heute komponieren komplizierte Computerprogramme anhand statistischer Wahrscheinlichkeiten massenverträgliche Melodien, die sich am Ende trotz aufwendiger Hardware an der Wohnzimmerwand alle gleich anhören.

Also Technik besser, Inhalte schlechter. In der Summe eher eine Verschlechterung.

Medizin ist besser geworden

Nie glaubten unsere Ärzte mehr zu wissen als heute. Wenn man sich früher ein wenig schlapp fühlte, hat einen der Arzt eine Woche auf Rücken krank geschrieben. Man hat sich abends volllaufen lassen, dass zu dem Zeitpunkt noch gute TV-Programm genossen (Tuttifrutti hat zwar keiner verstanden, war aber immer für leichte Abendunterhaltung gut). Man ging spät ins Bett, schlief lange aus und nach einer Woche hat man sich wieder den Herausforderungen des Alltags gestellt. Geht man heute zum Arzt und stellt die Selbstdiagnose „keinen Bock“, zückt der Schamane Eures Vertrauens seinen Überweisungsblock und schickt Euch auf eine Erkundungstour. Das hat was von verschriebener Schnitzeljagd. Bluttest, Belastungs-EKG, CT, MRT, Psychologe, Kardiologe und Gott weiß was noch. Am Ende kommen dann dubiose Diagnosen wie „Burnout“, „Boreout“ oder sonst welche tollen Zivilisationskrankheiten heraus. Heute ist man nicht mehr krank, heute hat man gleich ein Syndrom. Das Gute: Aus der einen Woche wird dann heute schnell ein halbes oder ganzes Jahr. Dann hat man seine Life-Balance wieder gefunden und darf natürlich ohne gestresst zu werden wieder am produktiven Alltag teilnehmen. Für jeden quersitzenden Furz gibt es heute hochspezialisierte Präparate. Meist sind die Nebenwirkungen größer als der Nutzen (PS: Eigentlich sind doch die Nebenwirkungen auch Wirkungen, oder?). Tolle neue Geräte, Techniken und Arbeitsweisen haben die Ärzte drauf und jedesmal wenn man beim Arzt ist, sind genau die Dinge nicht passend für das persönliche Wehwehchen.

Also Wissen, Technik und Medikamente sind vielfältiger und besser denn je. Leider scheinen sich unsere Krankheiten ebenfalls weiterentwickelt zu haben. Das hat zur Folge, dass es heute mehr Kranke als jemals zuvor gab. Hier ist nichts besser geworden. Ganz im Gegenteil. Ärzte neigen dazu, lieber irgendeine Diagnose zu stellen, als offen und ehrlich zu ihrer Ahnungslosigkeit zu stehen.

Autos sind besser geworden

Die Frage ist wirklich, wie man besser definiert? Was ist besser? Noch eine zusätzliche Spielerei? Der hundertste Airbag? Oder der Elektroantrieb? Faktisch zu belegen ist wohl, dass die Autos von heute über mehr Funktionalitäten als jemals zuvor verfügen. Sie parken alleine, sie wecken den Fahrer, wenn er einschläft. Sie sagen, wann sie getankt werden möchten oder auch wohin sie gerne fahren wollen. Die Autos werden immer komfortabler und intelligenter. Nur leider werden die Fahrzeugführer nicht schlauer. Bei vielen Unfällen kann man nur den Kopf schütteln. Sich vom Navi in den nächsten Fluss führen lassen? Ja, geht es noch? Es wird wild auf dem Bürgersteig geparkt, bei kristallklarer Nacht die Nebelscheinwerfer als Zusatzlicht benutzt (weil es so cool aussieht). In Baustellen wird gerast und auf der Landstraße geschlichen. Das gab es alles schon früher. Allerdings nicht in diesem Umfang und mit dieser Penetranz. Oft ist der Fahrer so vom Bordgehirn des Autos in Beschlag genommen, dass keine Zeit für den Verkehr bleibt. Naja, der Kollisionsassistent wird es schon richten (hofft man da als Radfahrer). Das die Autos immer größer und zahlreicher geworden sind, führt zu einer akuten Parkplatzunterversorgung. Die Autos passen zum einen nicht in die Parklücken und zum anderen sind es zu viele Autos die nach einer Abstellmöglichkeit suchen. Die Parkassistenten sind im Falle einer fehlenden Parkmöglichkeit, gelinde gesagt, völlig nutzlos. Gleiches gilt wohl für alle Fahr- und Bremshilfen. Hier im Ruhrgebiet steht man mittlerweile mehr als man fährt. Ein stehendes Auto benötigt keine Fahrhilfe, oder? Trotz aller technischen und mechanischen Verbesserungen hat man das Gefühl, dass Autos heute wesentlich öfter in die Werkstatt müssen (irgendein Helferlein hat immer ein Zipperlein). Früher reichte ein Blick auf die Reifen, um zu beurteilen ob ausreichend Luft vorhanden ist. Heute muss es die elektronische Reifendruckkontrolle sein. Die hat alle naselang eine Macke und übermittelt falsche Werte ins Cockpit und natürlich geht es wieder in die Werkstatt. Last but not least: Die Straßen sind in einem absolut desolatem Zustand. Selbst ein Bodeneffektfahrzeug könnte den Konturen der Schlaglöcher nicht mehr folgen. Hinzu kommt noch eine Baustellendichte, die weit über der durchschnittlichen Parkplatzdichte liegt.Fahren wird so hinfällig. Im Schluss nutzen alle tollen Verbesserung nichts. Ich postuliere hier mal den unumstößlichen Grundsatz: Wer nicht fährt, der steht und braucht somit kein Auto!

Sex wird im Alter besser

„Sex wird im Alter besser“ hält sich genauso wie der Mythos, dass Männer nicht älter sondern interessanter werden. Gequirlter Blödsinn. Der Sex fühlt sich vielleicht besser an, dass liegt daran, dass die Häufigkeit antiproportional zum Alter abnimmt. Je seltener etwas passiert, umso außergewöhnlicher ist es. Hinzu kommt noch die fortschreitende Vergesslichkeit. Man hat vergessen wie guter Sex geht, glaubt aber sich erinnern zu können, wie er war. Sorry, eine stärkere Selbsttäuschung habe ich noch nicht erlebt. Ihr müsst stark sein: Euer Sex ist viel schlechter als früher und wird nur noch von seiner Seltenheit getoppt.

Also, weniger ist mehr, ist genauso bescheuert, wie linke und rechte Wange hinhalten. Weniger ist weniger und das führt mangels Übung zwangsläufig zur Verschlechterung. Oder kennt ihr jemanden, der immer weniger auf seiner Geige übt und immer besser spielt? Ergo, am besten gar nicht üben und dann virtuos spielen?

Tierschutz ist viel besser geworden

Ist das so? Oder ist es nicht so, dass heute mehr Tiere denn je leiden? Massentierhaltung als Fleischfabrik? Sicherlich hat der Bauer früher seiner Kuh mal in den Hintern getreten. Dafür stand sie aber auch auf der grünen Wiese und durfte sich länger als zwei oder drei Jahre ihres Lebens erfreuen. Eine Kuh kann bis zu 20 Jahre alt werden. Oder Hühner? Die gackerten den ganzen Tag über den Bauernhof und pickten auf, was gerade rumlag. Zum Feiertag wurde dann dem einen oder anderen Huhn der Garaus gemacht. Ein Huhn kann eigentlich 20 Jahre alt werden. Ein Masthuhn wird heute keine 45 Tage. In der kurzen Zeit nehmen sie soviel Gewicht zu, dass die Gliedmaßen brechen. Von den millionenfach geschredderten männlichen Kücken möchte ich gar nicht erst anfangen. Aber gut, dass wir heute einen so „tollen“ Tierschutz haben. Der so tolle Tierschutz unterscheidet nach Haus- und Nutztier. Beides wird als Sache behandelt. Ein schönes Lügenkonstrukt zur Gewissensberuhigung, um empfindungsfähige Lebewesen millionenfach töten und verspeisen zu können.

Wohlwissend, dass eine Kuh, ein Huhn oder ein Schwein genauso empfindet, wie der Familienhund, die Hauskatze oder das Meerschweinchen der kleinen Tochter, werden die vermeintlichen Nutztiere trotz besseren Wissens unter schrecklichsten Bedingungen gehalten und geschlachtet. Vielen Dank für den besten Tierschutz aller Zeiten.

Computer sind viel besser geworden

Computer sind in der Tat wesentlich leistungsfähiger als früher. Einen C64 würde man heute nur noch aus nostalgischen Gründen anschließen. Heute besitzt jedes Smartphone mehr Rechenleistung, als die gesamte NASA zu Zeiten der Apollo-Missionen. Die Grafikkarten können mehr Pixel pro Sekunde berechnen, als das Auge wahrnehmen kann. Die Programmiersprachen sind einfacher denn je und Vorschulkinder können schon komplexe Roboter programmieren. Hat uns das in irgendeiner Form nach vorne gebracht? Nicht wirklich, oder? Die NASA ist trotz Riesenrechnern mit Leistungen im Petaflop-Bereich nicht in der Lage, was besseres zu bauen, als die alte Saturn V. Die eine oder andere abgestürzte Marssonde zeigt, dass der Rechner nicht den Menschenverstand ersetzen kann. Unterschiedliche Maßeinheiten! Für Zocker die Grafikkarten immer das Thema Nummer eins, wenn es um mehr geilere Spiele geht. Natürlich sehen die Spiele heute viel besser aus, als früher. Nahezu wie echt. Ist das Gameplay besser? Eher nicht. Im Gegenteil: Immer komplizierter ist die Bedienung geworden. Ich jedenfalls hatte den meisten Spaß mit Spielen wie ONE no ONE, International Karate oder Slapshot. Spiel starten und Spaß. Ganz ohne Anleitung oder Lösungsvideos. Dass Rechenleistung keinen Einfluss auf die Qualität der mit dem Computer erzeugten Produkte hat, liegt mittlerweile auf der Hand. Bildverarbeitungsprogramme eröffnen ungeahnte kreative Möglichkeiten. Leider beschränkt sich die Anwendung auf das Verformen und vermeintliche verbessern von vermeintlichen Schönheiten. Wenn ich keine Formel erstellen kann oder nicht in der Lage bin, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren, wird weder Excel, noch Word oder irgendein anderes Text-Tabellen-Programm einen pulitzerpreisverdächtigen Artikel oder eine Nobelpreis verdienende Berechnung für mich erstellen.

Über Michael Kozlowski

Vom ZX-81 über Amiga und PC zum Apple und dann im Netz hängen geblieben. Von BTX über Z-Netz zum „Internetz“ kürzer kann man es nicht zusammen fassen.

Dieser Beitrag wurde unter Erfahrungen, Leben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.