Fahne zeigen für gar nichts – Niveau und Niedergang

Ganz Deutschland zeigt Flagge und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Überall flattern die Deutschlandfahnen im Wind. Dass dies kein Aufwind ist, scheint keiner wahrzunehmen. Erschreckend, wie sich Deutschland in ein Land von Fußballfans gewandelt hat. Für die Nationalelf bezieht Deutschland Stellung. Jeder verwandelt sich in einen Fußball-Experten. Manche haben sogar eine Meinung. Völlig unverständlich eigentlich! Sonst ist der Deutsche jemand, der im Stillen Freude zeigt oder alleine im Keller sitzt und weint. Für nichts geht der Deutsche auf die Straße. Vorbei sind die Zeiten, als Ostermärsche und Anti-Atomkraft-Demonstrationen Tausende auf die Straße lockten. Vorbei sind die Zeiten, als man sich solidarisch mit Arbeitern, deren Jobs in Gefahr sind, erklärte. Keiner geht für Opel auf die Straße, keiner ging für die Siemens-Mitarbeiter in Kamp-Lintfort auf die Straße, keiner ging für die Nokia-Mitarbeiter in Bochum demonstrieren. Einzig die Betroffenen selbst sind motivierbar. Die Anderen denken nur: Puhh, was für arme Schweine. Zum Glück hat es mich nicht getroffen.

Rentennullrunden, Diätenerhöhungen, LKW-Maut, Bildungsmisere, Überschuldung des Staates, nichts bewegt die Massen. Einzig der Ruf eines kleinen Kunstlederballes kann Millionen begeistern. Ist es das Hoffen auf einen kleinen Erfolg, welcher die Massen Hurra schreien lässt? Hat der Deutsche längst erkannt, dass es sich nicht mehr lohnt, für den deutschen Staat zu kämpfen? Ist den Deutschen schon bewusst, dass sie den Kampf um den Sozialstaat verloren haben und nichts mehr zu erwarten ist? Ist das der Grund, warum so etwas unwichtiges und nichtiges wie ein sportliches Ereignis gefeiert wird, wie das Erscheinen des Heilands?

Milliarden zu verschenken!

Kein Mensch ist auf die Straße gegangen, als Milliardenbeträge für die Bankenrettung zur Verfügung gestellt wurden (wo sind die Billiarden-Gewinne der letzten 50 Jahre geblieben?). Kein Deutscher hat sich ernsthaft aufgeregt über das viele Geld für Griechenland (bei einem Geschäftsmann hätte man von Insolvenzverschleppung gesprochen und ihn ins Gefängnis geworfen). Auch vom Rettungspaket für die Automobilindustrie redet hier keiner mehr (ging es den japanischen, koreanischen und französischen Autobauern auch schlecht?). Niemand hat gefragt, ob das Geld überhaupt vorhanden ist, welches mit aller Kraft von unseren Politikern zum Fenster herausgeworfen wurde. Jetzt erst merken die Politiker, dass wir sparen müssen? Sparen für Griechenland, für japanische Autobauer, für amerikanische Banken? Ich persönlich würde ja lieber für mich sparen, da ich ja wohl nicht mehr mit einer Rente rechnen kann, oder? Was muss ein Politiker tun, um so viele Menschen, wie der König zu begeistern? König Fußball regiert die Welt und nicht etwa nüchtern denkende Menschen. Bei jedem noch so unbedeutenden Tor tobt ganz Deutschland vor dem Fernseher und beim Public-Viewing. Wenn Frau Merkel eine Rede hält, sind höchstens einige wenige Enthusiasten zu begeistern. Von den Schulklassen, die zu solchen Veranstaltungen gekarrt werden, redet hier keiner. Im TV sieht man nur Unmengen von Menschen. Ob politisch motiviert oder von höherer Stelle gezwungen, spielt keine Rolle. Hauptsache es sieht aus, als würde sich jemand interessieren.

Der doofe Deutsche zahlt

Benzinpreise erklimmen astronomische Höhen und wen interessiert es? Den ADAC! Der Autofahrer tankt. Komme was wolle. Egal wie hoch die Kosten für Benzin sind. Es wird getankt. Aber wehe der Bundestrainer schließt einen Spieler aus, der von den Massen als geeignet angesehen wird. Die Titelseiten aller Boulevard-Blätter überschlagen sich mit Kritik und Aufrufen zum Massenboykott. Das mal eben die Umwelt von BP zerstört wird oder das die Laufzeiten der altersschwachen Kernreaktoren verlängert wird, nimmt der gemeine Deutsche maximal zur Kenntnis und ignoriert es dann geflissentlich. Ein Achselzucken und ein geseufztes: „Ich kann doch eh nichts ändern“. Mehr Begeisterung ist für Themen von existenzieller Wichtigkeit nicht zu erwarten. Doch wehe Deutschland zieht ins Viertel-, Achtel-, oder Halbfinale ein. Ein wenig erinnert mich das ganze an das alte Rom. Dort gab man dem Volk auch Brot und Spiele. Heute ist es Hartz IV und Fußball anstelle von Brot und Gladiatoren.

Ich wünsche viel Glück

Ich persönlich wünsche der deutschen Mannschaft jedenfalls viel Glück (wobei mit Glück alleine kann man nicht gewinnen) und hoffe, dass der eine oder andere Fan seine Begeisterung in den tristen Alltag retten kann und für wirklich wichtige Dinge einsteht. Ich hoffe, dass der nächste Euro nicht für eine Tröte ausgegeben wird, sondern für den Wiederaufbau eines funktionierenden Krankenkassensystems. Ich hoffe, dass die nächste Eintrittskarte die zur Rente sein wird und nicht eine Nummer bei der Arbeitsagentur. Ich werde jubeln, wenn wir eine Lösung zur Umweltproblematik erarbeitet haben. Ich werde Hurra rufen, wenn die Jugend in Deutschland die Jugendlichen im internationalen Vergleich im Wissenswettbewerb um Längen geschlagen hat. Wenn Energie billiger wird und nicht teurer und teurer, werde ich persönlich einen Flaggenmast im Vorgarten „einbuddeln“ und jeden Morgen die Nationalhymne singen (die komplette Hymne natürlich). Liebe Mitmenschen, bitte verzeiht meine Ignoranz, aber ich werde nicht für eine sportliche Leistung Hurra schreien, solange es in Deutschland Kinder gibt, die hungern, die bildungsfern aufwachsen. Ich weigere mich, an einem spätabendlichen Autokorso teilzunehmen, um ein gewonnenes Spiel zu feiern, solange es Rentner gibt, die nicht wissen, wovon sie ihre nächste Mahlzeit bezahlen sollen.

Ich bin gegen alles!

Ich weigere ich mich den Fifa-Funktionären, den Privat-Fernseh-Mogulen, Geld in den Rachen zu werfen, solange der Ottonormalbürger auf die Zusammenfassung im öffentlich-rechtlichen-TV warten muss. Was mich wundert, ist die Tatsache, dass diese Ablenkung von sozialen Mißständen ebenso lange funktioniert, wie das Wahlversprechen als Corpus Delicti oder sonstigen Unsinn der seit Jahrzehnten zelebriert und propagandiert wird.

Für mich hören sich die Vuvuzelas wie die Posaunen von Jericho an. Aber das passt zum Gesamtbild: Wir gehen mit Pauken und Trompeten unter.

Fazit: Fußball ist Opium fürs Volk und lenkt von echten Missständen ab. Hat jemand überhaupt wahrgenommen, das die Krankenkassenbeträge erhöht wurden? Nur mal so?

PS: Und wer nicht singen will, der  fliegt raus…

Michael Kozlowski

Über Michael Kozlowski

Vom ZX-81 über Amiga und PC zum Apple und dann im Netz hängen geblieben. Von BTX über Z-Netz zum "Internetz" kürzer kann man es nicht zusammen fassen.
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2 Kommentare zu Fahne zeigen für gar nichts – Niveau und Niedergang

  1. Der Artikel ist ja nun schon etwas älter, aber:

    – ich mag ebenfalls kein Fußball
    – ich mag ebenfalls kein TV (bis auf 2, maximal 3 bestimmte Sender)

    Und beides konsumiere ich entsprechend auch nicht. Die WM war mir ziemlich egal … ich finde Chaos immer recht lustig und bin Zuschauer der die dummen beobachtet und über sie lächeln kann.

    Grüße

  2. Corinna sagt:

    Der Autor spricht mir aus vollem Herzen! Und ich bestätige tausendfach, dass Derjenige, der aufbegehrt und sich gegen die unsäglichen Missstände in diesem Land zur Wehr setzt, verhöhnt, verspottet, mundtot gemacht wird. Ja sogar finanziell runiert wird. Wären wir in Russland, wäre ich mit Sicherheit sogar schon körperlich tot.

    Es ist unfassbar, dass Mitbürger, die genauso ausgebeutet und geknebelt werden wie man selbst, sich zu den Vebrechern in unserer Regierung und Wirtschaft dazu gesellen und die Kritischen fertigmachen. Was für eine feige, niederträchtige Mischpoke!

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