Urlaub – Freud und Leid

Urlaub - Freud und LeidEs ist wieder soweit: Urlaub! Nach Monate langem warten im Neonlicht des Büros steht endlich der tariflich zugesicherte Erholungsurlaub in den Startlöchern. Die letzten Minuten im Büro dehnen sich zu Stunden und der Arbeitstag will einfach kein Ende nehmen.

Diese Vorfreude ist zweifelhaft. Ist Urlaub wirklich erstrebenswert oder ist er nur eine andere, noch schrecklichere Form von Stress? Schon bei der Planung und Buchung beginnt der unbewusste unterschwellige Stress: Wohin soll es gehen? Wann soll es in die Ferne gehen? Wie lange? Welches Hotel? Frühbucher oder doch lieber Last-Minute? Wer all diese Fragen beantwortet, der ist ein gutes Stück in Richtung „Urlaub“ weitergekommen.  Spätestens nach der erfolgreichen Buchung nagen quälende Fragen am Gewissen: Ist der Frühbucherrabatt höher als der Last-Minute-Vorteil? Was, wenn das Hotel doch nicht so gut ist? Was ist mit dem Wetter, dem Strand usw.? Um auch die kleinste Verunsicherung aus zu räumen wird schnell das Internet als kompetenter Berater auserkoren. Doch auch da: Quälende Ungewissheit! Was, wenn die Hotelbewertungen gegen Bezahlung „positiv“ geschönt worden sind? Während manch einer eine vereinsamte Schabe als biblische Plage empfindet, stören den anderen 100 Riesenexemplare nicht im geringsten. In diesem Fall entpuppt sich die Flut an Informationen und Meinungen im Internet als Fluch und nicht als Segen.

Wem es gelingt an diesem Punkt von der Frucht der Erkenntnis zu naschen, der ist schon wieder einen Schritt weiter in Richtung Erholung (was ich weiss ist, dass ich nichts weiss). Aber im Hinterkopf hat sich schon die nächste bohrende Frage herauskristallisiert: War das Angebot auch wirklich das günstigste? Nach stundenlanger Recherche ist der gleiche Punkt wie bei der Frage nach dem Hotel erreicht und auch diese Frage wird in die hinterste Ecke allen Denkens verbannt.

Es ist unverständlich, wieso kein Deutscher in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen und sich dann zu freuen. Meist ist das Gegenteil der Fall: Kaufreue!!! Dieses Wort gibt es wohl nur in Deutschland. Rückt der Urlaubstermin näher, werden die Meldungen über Unruhen mit Argusaugen beobachtet. Politische Revolution nur 2000 km vom Traumstrand? Ist das nicht zu nah? Flugzeugabstürze? Mit welcher Maschine geht es in den Süden? Süden? War da nicht gerade die grauenhafte Epidemie? Hat die Kollegin aus der Postabteilung nicht was erzählt? Hätte man doch nur die Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen. Geht das auch jetzt noch? So geht es vom ersten Tag nach der Buchung bis zum letzten Tag vor dem Urlaub.

Der letzte Arbeitstag

Relativität ist das Zauberwort. Einsteins Lieblingstheorie macht auch den Alltag eines Normalsterblichen theorisierbar. Je nach Standpunkt des Betrachters vergeht Zeit scheinbar unterschiedlich schnell. Tage, Wochen und Monate vergehen wie im Flug, liegt jedoch die Buchungsbestätigung auf dem Tisch, verwandelt sich die Uhr und der Kalender auf dem Schreibtisch in ein schwarzes Loch, dessen Ereignishorizont das Abflugdatum zu sein scheint. (Hawking erörtert zum Ereignishorizont, dass dort die Zeit still stehen soll).

Der letzte Arbeitstag zieht sich also über gefühlte Wochen hin und will nicht enden. Immer wieder versuchen wir es mit positiver Selbstbeeinflussung. Immer wieder sagen wir uns: Nach dem Urlaub lassen wir alles ruhiger angehen, danach machen wir uns keinen Stress mehr usw. (selbstverständlich glauben wir den Quatsch sogar). Noch 60 Minuten und es ist vollbracht!. Die Selbstzweifel nehmen reziprok zur noch verbleibenden Arbeitszeit zu. Ist alles erledigt? Kann das noch liegen bleiben? Hab ich die Infos weitergeleitet? Ist jemand über Projekt X im Bilde? Noch 10 Minuten…

Schnell noch die Rechnungen prüfen und dann ist… Oh, ein Fehler! Kein Problem – doch ein Problem! Freitags arbeiten andere Firmen nur bis 13.00 Uhr. Noch fünf Minuten…

Sind die Mails umgeleitet? Mist, in der IT-Abteilung nimmt keiner mehr ab. Naja, rufe ich halt aus dem Urlaub an oder schreibe eine Mail. Noch zwei Minuten…

Telefon – der Chef! Meeting!!!
Das ungeplante Meeting ist eher eine Strategieplanung für die nächsten fünf Jahre. Natürlich genau im eigenen Fachbereich.

T+120 Minuten
Das Meeting ist vorbei. Noch schnell einige E-Mails schreiben und verhindern, dass der eigene Job irgendwie überflüssig aussieht.

T+300 Minuten
Im Normalfall hätte jetzt jeder schon fünf Stunden Urlaubshochgefühl. Wäre da nicht das Meeting gewesen! Zum Glück gibt es ja die modernen Kommunikationsmedien. Die Kollegen werden sich schon melden wenn etwas unklar sein sollte, oder?

T+330 Minuten
Zuhause geht es hoch her! Was muss noch in den Koffer, was nimmt man mit? Ausweise? Auslandskrankenversicherung? Vergessen! Badehose? Zuletzt zum reinigen der Winterreifen benutzt. Taxi zum Flughafen bestellt? Vergessen! Sonnenmilch, Tabletten gegen Reisekrankheit, Reiseführer usw. alles vergessen.

Flugtag

Völlig erschöpft schaut man auf den Wecker. Das Herz beschleunigt auf 220 Schläge die Minute, der Blutdruck schnellt in Richtung 260 – Ende offen. Verschlafen!!! In 30 Minuten geht das Miettaxi in Richtung Flughafen und der Koffer ist noch nicht komplett gepackt.

In aller Eile werden die in nächster Nähe greifbar liegenden Kleidungsstücke in den Koffer gestopft, eilig ein Brötchen vom Vortag gegessen und dann schellt auch schon der Taxifahrer. „Taxi, Fliegehawen“ schallt es kaum verständlich durch den Hausflur. Danke, jetzt wissen auch alle potentiellen Gelegenheitsdiebe das wir nicht da sind!

Auf der Treppe reißt am Koffer der Griff ab (egal, es wird schon gehen). Leider passen die zwei großen Koffer nicht in den Kofferraum, also nimmt ein Koffer auf dem Rücksitz Platz und beengt so die Angebetete. Nach einigen Schwierigkeiten mit dem vermitteln des Zieles (ja wir fliegen von Köln, nicht von Düsseldorf, auch wenn es weiter weg ist) geht es dann los. Selbstverständlich geraten wir in einen Stau. Mit über 50 Minuten Verspätung erreichen wir den Flughafen. Die Reihe vor dem einzig offenen Schalter ist geschätzte 90 Meter lang. Nach weiteren 50 Minuten sind wir an der Reihe. 11 kg sind die Koffer zu schwer. Zähneknirschend wird der Aufpreis bezahlt. Ab zum Gate! Handgepäck! Laptop, Uhr Gürtel, Kleingeld und Gott weiß was wird kritisch in Augenschein genommen. Letzter Aufruf war auch schon. Arme hoch! Ist das Ihr Laptop? Ja! Einschalten! Minutenlanges Fachgesimpel. Allerletzter Aufruf!!! Boarding ist schon beendet, das Absperrband wird gerade eingeklinkt. Trotzdem geht es noch in den Flieger. Danke! Endlich Urlaub!!!

PIEPPIEP: SMS: 5 Jahreskonzept ist umgeworfen, alles anders. Leitung übernimmt Herr M. Schönen Urlaub.

Durchsage: Liebe Fluggäste, leider verzögert sich der Abflug um…

Fazit: Urlaub kann so schön sein

Michael Kozlowski

Über Michael Kozlowski

Vom ZX-81 über Amiga und PC zum Apple und dann im Netz hängen geblieben. Von BTX über Z-Netz zum "Internetz" kürzer kann man es nicht zusammen fassen.
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